Themen im Jahresbericht 2025:
Vorwort I Leitartikel I Jugendwohnbegleitung I 50. Jubiläum I Kinder forschen I St. Barbara I Spendenrückblick I Zahlenteil
Zwischen Abistress und Wohnungssuche: Die Jugendwohnbegleitung hilft!
Im Interview erzählen sie von ihrer Arbeit und erläutern, wie sie junge Menschen in herausfordernden Lebenslagen unterstützen und warum gerade die Politik gefordert ist.
Worum geht es bei dem Angebot konkret?
Ellen Kopizara: Im Kern geht es darum, für junge Erwachsene, die zu uns kommen, eine stabile Lebenssituation zu schaffen. Ein Schwerpunkt ist die Unterstützung bei der Suche nach einer eigenen Wohnung. Die meisten können aus schwerwiegenden sozialen Gründen nicht mehr bei ihren Familien leben. Manche wachsen mit suchtkranken oder psychisch erkrankten Eltern auf, andere haben Gewalt erlebt oder leben unter beengten Wohnverhältnissen.
Nina Marquardt: Manche Eltern kündigen die gemeinsame Wohnung, ziehen mit einer neuen Partnerin oder einem neuen Partner weg und sagen ihrem volljährigen Kind: "Du bist jetzt erwachsen also sieh zu, wie du klarkommst." Wir erleben auch Fälle, in denen bleiben die jungen Menschen allein in einer bereits gekündigten Wohnung zurück. Manchmal gibt es keine Möbel mehr und nur noch eine Matratze, auf der sie schlafen können.
v.l.n.r.: Im Gespräch mit Ellen Kopizara und Nina Marquardt von der Jugendwohnbegleitung. Foto: Johannes Hensel
Mit welchen Anliegen kommen die jungen Menschen zu Ihnen?
Nina Marquardt: Die jungen Menschen, die sich hier melden stehen unter enormen Druck. Viele kommen zu uns, weil ihre finanziellen Angelegenheiten nicht geregelt sind. Häufig leben sie noch mit ihren Eltern in einer Bedarfsgemeinschaft und müssen mit sehr wenig Geld auskommen. Viele zeigen bereits psychische Belastungen. Sie sind völlig überfordert mit ihrer Situation, fühlen sich allein gelassen und wissen nicht, wie es weitergehen soll.
Ellen Kopizara: Der Anteil der Selbstmelder, also von Betroffenen, die sich eigeninitiativ bei uns melden, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen und liegt inzwischen bei rund 80 Prozent. Manchmal geht die Initiative aber auch von den Eltern aus. Wenn es zu Hause immer wieder Konflikte gibt, wünschen sie sich Hilfe. Häufig sehen die jungen Menschen ihre Situation jedoch anders und empfinden selbst keinen Unterstützungsbedarf. Das ist eine Herausforderung.
„Einsamkeit ist für viele ein großes Thema. Wenn sie zu uns kommen, haben sie oft niemanden, auf den sie sich verlassen können. Häufig sind wir die einzigen verlässlichen Bezugspersonen.
Die Betroffenen finden immer häufiger aus eigenem Antrieb zu Ihnen in die Beratung. Hat sich auch die Motivation der jungen Menschen, sich Hilfe zu suchen verändert?
Nina Marquardt: Darüber haben wir erst vor Kurzem gesprochen. Als ich vor neun Jahren in der Jugendwohnbegleitung angefangen habe , kamen vor allem junge Erwachsene aus sehr prekären Familienverhältnissen zu uns. Heute erleben wir häufiger junge Menschen mit Abitur oder vom Gymnasium. Was sie mitbringen, sind oft massive psychische Belastungen.
Ellen Kopizara: Viele haben bereits Therapien hinter sich oder waren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Als ich hier angefangen habe, kam das kaum vor.
Nina Marquardt: Ja, der Schwerpunkt hat sich verschoben. Psychische Erkrankungen und posttraumatische Belastungsstörungen spielen heute eine viel größere Rolle als früher. Das hat sich so sehr verändert, dass ich kürzlich eine Weiterbildung zum Thema gemacht habe.
Die Tür steht offen: Für Gespräche, Begleitung und Unterstützung, wenn es Zuhause nicht mehr geht.
Foto: Johannes Hensel
„Die jungen Menschen, die sich hier melden stehen unter enormen Druck.
Haben Sie eine Vermutung, woran das liegt?
Nina Marquardt: Wir haben natürlich überlegt, ob das mit der Corona-Pandemie zusammenhängt. Bei den psychischen Erkrankungen glaube ich das allerdings nicht. Diese Entwicklung beobachten wir schon seit vielen Jahren. Was wir dagegen klar als Folge der Pandemie wahrnehmen, ist eine zunehmende Unselbstständigkeit. Vielen fehlen alltagspraktische Fähigkeiten. Man merkt, dass sie in entscheidenden Entwicklungsphasen zwei oder drei Jahre verloren haben.
„Es geht nicht nur um Beratung, sondern vor allem um Beziehungsarbeit
Welche Rolle spielt Einsamkeit im Leben der Hilfesuchenden?
Ellen Kopizara: Einsamkeit ist für viele ein großes Thema. Wenn sie zu uns kommen, haben sie oft niemanden, auf den sie sich verlassen können. Häufig sind wir die einzigen verlässlichen Bezugspersonen.
Hier erleben sie zum ersten Mal, dass jemand bedingungslos für sie da ist, ihnen zuhört und sie nicht im Stich lässt. Auch wenn einmal etwas schiefläuft, bleiben wir an ihrer Seite.
Nina Marquardt: Genau das macht unsere Arbeit aus. Es geht nicht nur um Beratung, sondern vor allem um Beziehungsarbeit. Erst auf dieser Grundlage können sich junge Menschen überhaupt öffnen und entwickeln.
Was würden die jungen Erwachsenen ohne Angebote wie die Jugendwohnbegleitung machen?
Nina Marquardt: Viele hätten kaum eine Perspektive. Ich denke an einen jungen Mann, der mit 17 Jahren zu uns kam. Er stammte aus einer stark suchtbelasteten Familie und lebte vorübergehend bei seiner Schwester. Die Schule hatte er bereits nach der siebten Klasse ohne Abschluss verlassen. Das Jugendjobcenter hatte ihn aufgegeben.
Ehrlich gesagt war ich selbst zunächst unsicher, ob wir ihn erreichen würden. Entscheidend waren am Ende die enge Beziehungsarbeit und die Erfahrung, dass jemand an ihn glaubt und ihn nicht aufgibt.
Heute hat er eine eigene Wohnung, einen Ausbildungsplatz und seine Ausbildung zum Maler und Lackierer erfolgreich abgeschlossen. Er lebt mit seiner Partnerin zusammen und führt ein selbstständiges Leben.
Neben der Beziehungsarbeit geht es darum den jungen Menschen Perspektiven aufzuzeigen.
Foto: Johannes Hensel
Was sind für Sie die Momente, in denen Sie merken, dass Ihre Arbeit wirkt?
Ellen Kopizara: Vor allem bei den Abschlussgesprächen, wo ich die jungen Menschen bewusst an den Anfang erinnere: "Schau mal zurück. Vor einem Jahr hast du hier gesessen und dachtest, deine Situation ist aussichtslos." Diese Entwicklung zur Selbstständigkeit und Zuversicht mitzuerleben, das sind für mich echte Erfolgsmomente.
Nina Marquardt: Viele haben dann wieder eine Perspektive und wissen, wie es weitergeht. Natürlich gelingt das nicht bei allen sofort. Manche befinden sich noch mitten in einem psychischen Stabilisierungsprozess. Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt: "Ich weiß nicht, wohin mit mir und meinem Leben", oder ob wieder ein Weg sichtbar wird.
Ellen Kopizara: Ich habe auch großen Respekt davor, wenn jemand trotz all der schwierigen Umstände die Schule abschließt oder das Abitur schafft. Es ist eine enorme Leistung sich gleichzeitig um alles zu kümmern: eine Wohnung finden, sie einrichten, den Alltag organisieren und dann noch die Schule zu meistern. All das zu bewältigen, ist wirklich beeindruckend.
Nina Marquardt: Dem kann ich mich nur anschließen. Ich hatte hier viele Momente, in denen ich großen Respekt davor hatte, was die jungen Menschen geschafft haben. Dieser Weg ist nicht selbstverständlich. Er ist anstrengend und auch beängstigend.
Was müsste sich gesellschaftlich und sozialpolitisch verändern, damit junge Menschen früher aufgefangen werden und gar nicht erst in schwierige Situationen geraten?
Ellen Kopizara: Zunächst müssen wir junge Menschen und ihre Probleme ernst nehmen. Es braucht mehr Aufmerksamkeit für ihre Lebenslagen und mehr Hilfsangebote, die sie frühzeitig erreichen.
Nina Marquardt: Ich wünsche mir grundsätzlich mehr ansprechbare Erwachsene. Da sehe ich uns gesamtgesellschaftlich in der Verantwortung. Heranwachsende brauchen Menschen, die zuhören, Orientierung geben und sie ernst nehmen.
Außerdem wünsche ich mir eine positivere Darstellung junger Menschen in den Medien und in der Gesellschaft. Die Generation Z wird oft pauschal als faul oder schwierig dargestellt. Dabei stellt sich die Frage: Haben sich junge Menschen wirklich verändert oder haben sich einfach die Bedingungen verändert, unter denen sie leben? Ich wünsche mir einfach mehr Offenheit von älteren Generationen und mehr Respekt gegenüber den Lebensumständen und Lebensentwürfen junger Menschen. Das würde schon viel bewirken.
Wir brauchen außerdem Politikerinnen und Politiker, die junge Menschen und ihre Herausforderungen wirklich sehen und ernst nehmen.
Ellen Kopizara: Ein großes Problem ist, dass es für diese Altersgruppe kaum passende Notunterkünfte gibt. Wenn junge Menschen nicht mehr zu Hause leben können, fehlen sichere Anlaufstellen. Viele Notunterkünfte richten sich erst an Menschen ab 21 Jahren. Wir sprechen dieses Thema seit Jahren an, trotzdem passiert zu wenig.
Nina Marquardt: Ähnlich sieht es bei jungen Erwachsenen aus, die eine Ausbildung beginnen. Wenn sie nicht mehr zu Hause leben können und ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren müssen, wird es schnell schwierig
Dann wird oft auf Berufsausbildungsbeihilfe verwiesen. Aber die Unterstützung reicht häufig nicht aus. Außerdem sind die Anträge kompliziert. Hier wünsche ich mir deutlich mehr Begleitung und Unterstützung.
Ellen Kopizara: Wir brauchen auch mehr bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende. Es gibt in Hannover viele moderne Studentenwohnungen, aber die können sich Auszubildende oft nicht leisten. Außerdem werden sie meist vorrangig an Studierende vermietet.
Was motiviert Sie bei Ihrer Arbeit?
Nina Marquardt: Mich motivieren vor allem die Erfolgsmomente und die enge Zusammenarbeit mit jungen Menschen. Ich finde diese Arbeit unglaublich wertvoll. Ich hatte in meinem Berufsleben schon mehrfach Gründe, mich neu zu orientieren. Aber ich bin geblieben, weil ich die Jugendwohnbegleitung großartig und wichtig finde.
Ellen Kopizara: Mir geht es genauso. Die Entwicklung der jungen Menschen mitzuerleben und zu sehen, was sie erreichen, ist eine große Motivation.
Es sind die gemeinsamen Erfolgsmomente, die motivieren und verbinden.
Foto: Johannes Hensel