Themen im Jahresbericht 2025:
Vorwort I Leitartikel I Jugendwohnbegleitung I 50. Jubiläum I Kinder forschen I St. Barbara I Spendenrückblick I Zahlenteil
50 Jahre Kinderzentrum und Spielhaus: Wie sehen die nächsten Jahre aus?
Doch die Welt, in der Kinder aufwachsen, verändert sich rasant. Gesellschaftliche Polarisierung, psychische Belastungen und neue Technologien stellen die offene Kinder- und Jugendarbeit vor neue Aufgaben.
Zum Jubiläum blicken wir deshalb nicht nur zurück auf vergangene Erfolge, sondern vor allem nach vorn. Was brauchen Kinder und Familien heute? Und wie stellen wir die beiden Einrichtungen auf, damit sie für die Herausforderungen von morgen gewappnet sind? Wir sprechen mit den beiden Einrichtungsleitungen Jasmin Taubensee und Frank Bonk.
Das Kinderzentrum und das Spielhaus blicken auf fünf Jahrzehnte Geschichte zurück. Was macht die beiden Einrichtungen aus Ihrer Sicht bis heute so wichtig für Kinder und Familien?
Jasmin Taubensee: Für mich ist es vor allem die Niedrigschwelligkeit. Es gibt keine Zugangsvoraussetzungen. Kinder sind willkommen unabhängig von Religion, Geschlecht oder Herkunft. Jedes Kind bekommt hier einen Schutzraum und kann jederzeit kommen, wenn es den Bedarf hat.
Frank Bonk: Genau. Es ist ein sicherer Ort, an dem Kinder Zuflucht, Hilfe und Unterstützung finden. Gerade in Linden-Süd gibt es mehrfach prekäre Lebenssituationen in Familien: Beengte Wohnverhältnisse, Alkohol- und Drogenprobleme und natürlich wenig Geld. Hier fühlen sich die Kinder sicher.
Zum 50. Jubiläum kamen zahlreiche Unterstützer:innen und Wegbegleiter:innen der Einrichtungen zusammen.
Wenn Sie die heutige Situation mit den Anfängen vergleichen: Welche Herausforderungen für Kinder und Familien sind neu hinzugekommen?
Jasmin Taubensee: Seit 2018 dreht sich unsere Arbeit vor allem um das Thema Medien. Kinder haben oft ungefilterten Zugang zum Internet und zu Social Media. Gleichzeitig spielt auch die Mediennutzung der Eltern eine große Rolle. Wenn das Handy mehr Aufmerksamkeit bekommt als das Kind, leidet das soziale Miteinander enorm. Und auch die Corona-Pandemie wirkt noch nach. Sozialkompetenzen müssen teilweise immer noch aufgeholt werden.
Frank Bonk: Die neuen Medien haben auch verändert, wie Kinder miteinander in Kontakt kommen. Früher haben sie sich im Kinderzentrum getroffen, um gemeinsam ins Schwimmbad zu fahren. Heute gibt es dafür die WhatsApp-Gruppe. Dadurch ist die Einrichtung als Treff- und Sammelpunkt ein Stück weit überflüssig geworden.
Jasmin Taubensee: Und über die neuen Medien bekommen Kinder Selbstbestätigung und virtuelle Aufmerksamkeit, ohne dafür etwas tun zu müssen.
Frank Bonk: Gleichzeitig verlernen sie, miteinander zu spielen. Gesellschaftsspiele, Fangspiele, Bewegungsspiele waren früher selbstverständlich. Heute müssen wir Kinder teilweise erst dazu motivieren. Das ist inzwischen eine unserer Hauptaufgaben.
Mehr als eine Million Kinder und Jugendliche haben laut einer DAK-Studie einen riskanten oder krankhaften Medienkonsum.
„Es gibt bereits erste Kinder, die sich mit KI unterhalten, um soziale Interaktion zu bekommen. Die Gefahren dahinter werden gar nicht hinterfragt.
Was bewegt die Kinder von morgen? Welche Themen, Sorgen oder Bedürfnisse werden die Offene Kinder- und Jugendarbeit in den kommenden Jahren prägen?
Jasmin Taubensee: Wir müssen das Selbstwertgefühl der Kinder stärken. Es gibt bereits erste Kinder, die sich mit KI unterhalten, um soziale Interaktion zu bekommen. Die Gefahren dahinter werden gar nicht hinterfragt. Auch bei Hausaufgaben und schulischen Themen wird KI zunehmend genutzt.
Frank Bonk: Ich befürchte wir müssen in Zukunft aktiv gegen die Vereinsamung von Kindern und Jugendlichen angehen. Wir sehen das schon bei einzelnen Kindern, die Schwierigkeiten haben, auf andere zuzugehen, auf sie einzugehen oder sie zu akzeptieren. Manche bewegen sich fast ausschließlich in der medialen Welt und erzählen dann vor allem von Erfolgen in Videospielen.
Warum brauchen Kinder auch künftig Orte, an denen sie einfach willkommen sind?
Jasmin Taubensee: Eigentlich bräuchte es noch viel mehr solcher Einrichtungen. Es gibt immer wieder Familien, die erstaunt sind, dass es das Spielhaus überhaupt gibt. Sie können kaum glauben, dass es kostenlos ist und dass ihre Kinder sich weder anmelden noch etwas nachweisen müssen.
Frank Bonk: Und diese Unterstützung brauchen nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern. Wir führen fast jeden Tag Gespräche darüber, wie sie die Handy- und Mediennutzung ihrer Kinder in den Griff bekommen können. Viele Eltern sind damit massiv überfordert.
Wie müssen sich die Einrichtungen weiterentwickeln, um auch in den nächsten 50 Jahren wichtige Anlaufstellen für Kinder und Familien zu bleiben?
Jasmin Taubensee: Personell müssen wir uns verändern. Wir brauchen mehr Fachkräfte im sonderpädagogischen Bereich. Gerade durch Social Media und KI verändern sich auch die Verhaltensauffälligkeiten. Und sie nehmen zu. Dafür brauchen wir Fachwissen und neue Ideen, um die Kinder aufzufangen.
Frank Bonk: Gleichzeitig sollten die Einrichtungen in ihrer Grundform bleiben, wie sie heute sind. Sichere und niedrigschwellige Zufluchtsorte. Weiterentwickeln müssen sie sich dort, wo es um die Interessen und Ideen der Kinder geht. Wir müssen ihnen zuhören und darüber eine Brücke schlagen, um sie aus der medialen Dauerschleife herauszuholen.
„Ich befürchte wir müssen in Zukunft aktiv gegen die Vereinsamung von Kindern und Jugendlichen angehen.
Beide Einrichtungen leisten einen wichtigen Beitrag für Chancengerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt, sind aber auf zusätzliche Förderung angewiesen. Wie würde eine Sicherung dieser Arbeit aussehen?
Jasmin Taubensee: Bei drei Etagen und einem Außengelände bräuchte es eigentlich für jeden Bereich eine Person. Entsprechend müsste auch die personelle Ausstattung aussehen. Aktuell haben wir eine Vollzeitstelle, eine Zehn-Stunden-Stelle, eine BFD-/FSJ-Stelle und fünf Ehrenamtliche.
Die Räume für die Kinder sind grundsätzlich sehr schön. Nur der Marder unterm Dach könnte langsam mal verschwinden (lacht). Und wenn der Keller in Zukunft nicht mehr volllaufen würde, wäre das natürlich auch schön.
Frank Bonk: Zunächst müsste anerkannt werden, dass unsere Einrichtungen auch inklusiv arbeiten. Das tun wir bereits, ohne dafür zusätzliches Personal oder Geld zu erhalten. Beide Einrichtungen werden von Kindern aus Förderschulen besucht. Sie haben einen erhöhten Betreuungsbedarf und sind bei uns genauso willkommen wie alle anderen. Diese intensive Betreuung ist allerdings nicht gegenfinanziert.
Wie wünschen Sie sich, dass Kinder zum hundertjährigen Jubiläum im Jahr 2075 über das Kinderzentrum und das Spielhaus sprechen?
Jasmin Taubensee: Ich wünsche mir, dass sie sagen: Die Zeit im Spielhaus hat mich geprägt. Dass sie die Einrichtung mit Freude, Spaß und Zusammenhalt verbinden. Dass sie das Gefühl haben, dort so akzeptiert worden zu sein, wie sie waren. Und dass sie sich an die vielen Möglichkeiten erinnern, sich selbst auszuprobieren, neue Hobbys zu entdecken und Freundschaften zu schließen.
Frank Bonk: Und ich wünsche mir, dass sie sich an das Außengelände mit den coolen Spielmöglichkeiten erinnern. Aktuell haben wir nämlich keins, da die Fläche vor dem Kinderzentrum als Parkfläche ausgewiesen ist und das wohl auch so bleiben muss. Ohne diesen Umstand könnte man mit gerade mal 50.000 Euro ein Außengelände schaffen, bei dem wir die Kinder wieder mehr herausholen könnten. Das sollte in 50 Jahren zu schaffen sein, denke ich. Vor allem aber sollte die Offenheit des Hauses bestehen bleiben. Ein Ort, der von den Kindern eingenommen wird. Keine Warteliste, keine Aufnahmekriterien, keine Anmeldung. Das muss bleiben.
Jasmin Taubensee: Und vielleicht braucht es künftig noch mehr Workshops und Bildungsangebote für die Kinder selbst. Und für ihre Eltern!
Frank Bonk: Ja, einen solchen Etat müsste es auf jeden Fall geben. Damit wir Aktionen zur Stärkung der Medienkompetenz ins Haus holen und passend für unsere Kinder aufbereiten können. Wie du sagtest am besten gemeinsam mit den Eltern. Das wäre ein echter Gewinn.