Themen im Jahresbericht 2025:
Vorwort I Leitartikel I Jugendwohnbegleitung I 50. Jubiläum I Kinder forschen I St. Barbara I Spendenrückblick I Zahlenteil
Wie leisten wir Soziale Arbeit, wenn psychische Belastungen überhandnehmen?
Immer mehr Kinder und Jugendliche berichten von Einsamkeit, Überforderung und Zukunftsängsten. Gleichzeitig wird die Wartezeit für einen Therapieplatz immer länger, während Einsparungen im Gesundheitswesen zu massiven Versorgungslücken führen (Quelle: Kompetenznetz KJP). Alle Kennzahlen zeigen, dass psychische Erkrankungen zu den größten Herausforderungen unserer Gesellschaft gehören.
Wenn Armut krank macht
Die Menschen hinter diesen Zahlen wenden sich in ihrer Not zunehmend an Wohlfahrtsverbände. "Es kommen Menschen in die Sozialberatung und schnell wird deutlich, dass sie eine therapeutische Begleitung suchen." Songül Ekinci ist Sozialarbeiterin und fasst die herausfordernde Situation zusammen: "Wir helfen, wo wir können. Bei Suchterkrankungen, einer Krebsdiagnose können wir innerhalb des Verbandes weitervermitteln. Aber bei starken Depressionen, posttraumatischer Belastungsstörung oder Angststörungen ist der Engpass extrem."
In den Einrichtungen der sozialen Dienste wird diese Entwicklung bereits seit der Pandemie deutlich. Die Ursachen liegen auf der Hand. Steigende Lebenshaltungskosten, hohe Mieten und stagnierende Reallöhne verschärfen den größten Risikofaktor für psychische Erkrankungen: Armut (Quelle: AOK).
Trotz nachlassender Inflation sind Lebensmittel heute rund 30 Prozent teurer als 2021
(Quelle: Verbraucherzentrale).
Soziale Arbeit kann auffangen, aber keine Therapie ersetzen
Menschen in Armut stehen ununterbrochen unter Stress. Armut erschwert einen gesunden Lebenswandel und schränkt die Teilhabe an Präventionsmöglichkeiten ein. Armut macht krank - körperlich und psychisch. Armut steigert nachweislich das Risiko für Depressionen und Angststörungen. "Menschen aus der Armut herauszuhelfen ist Kernaufgabe der Caritas. Wir beobachten aber, dass psychische Belastungen und Erkrankungen massive Hürden für Betroffene und unsere Mitarbeitenden darstellen." Lea Schönberger, Abteilungsleitung Soziale Dienste, beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge. "Die Lage der Betroffenen verfestigt sich, weil soziale Arbeit nur einen Teil abdecken kann. Ein Therapieplatz ist kaum zu bekommen. Wenn die betroffene Person einen Therapieplatz in ihrer Muttersprache sucht, ist die Suche fast aussichtslos."
Hilfe bei akuten psychischen Krisen: Psychosozialer / Psychiatrischer Krisendienst.
Akute Hilfe in psychischen Krisen
"Wir sind froh, dass wir hier mit dem Ausbau des Psychosozialen Krisendienstes entgegenwirken können. Aber uns ist bewusst, dass für die Betroffenen weit mehr passieren muss" stellt Schönberger fest. "Bei uns landen zum Beispiel Menschen mit finanziellen Problemen. Aber diese Probleme wären nie entstanden, wenn die Belastung nicht überhandgenommen hätte."
Zum Beispiel bei Sandra (Name geändert), einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder. Seit ihrer Trennung reicht das Einkommen kaum noch aus. Nach dem Umzug fällt ihre Miete für eine kleinere Wohnung fast genauso hoch aus wie vorher. Die Nebenkostenabrechnung lässt sie komplett verzweifeln. Sie sucht die Schuldnerberatung auf und bekommt Hilfe von Matthias Wenzel: "Im Gespräch wird schnell deutlich, dass sie seit Monaten kaum schläft, völlig erschöpft und überfordert ist. Die finanzielle Krise und die psychische Belastung lassen sich längst nicht mehr voneinander trennen."
Es besteht dringender Handlungsbedarf
Auch in den Caritas Kindertagesstätten und Familienzentren zeigt sich das Thema. Kinder nehmen den Stress ihrer Eltern wahr und reagieren sensibel darauf. So kann es sein, dass Kinder sich zurückziehen, sich besonders angepasst oder auch besonders auffällig verhalten. Auch in Gesprächen in der Kita berichten Eltern von den beschriebenen Belastungen und wie sich diese auf das Familiensystem auswirken. Die pädagogischen Kräfte werden nicht selten zum Erstkontakt für Eltern, die psychologische Unterstützung benötigen. Nicole Wilke, Abteilungsleitung Kinder, Jugend & Familie sieht hier aber auch eine Chance: "Unterstützungsangebote wie unsere Erziehungsberatungen, setzen genau hier an und entlasten die Familien."
Diese Beispiele stehen für die vielen Menschen, die Tag für Tag unsere Beratungsstellen aufsuchen. Niemand beginnt einen Termin mit den Worten: "Ich habe eine Depression." Die meisten suchen Hilfe wegen finanzieller Probleme, Erziehungsfragen oder existenzieller Sorgen. Im Gespräch wird schnell deutlich, wie eng soziale und psychische Probleme miteinander verbunden sind.
Gerade darin liegt aber eine Chance der sozialen Arbeit, findet Lea Schönberger: "Noch lange bevor eine Diagnose gestellt wurde, begegnet sie Menschen auf Augenhöhe und mit dem Versprechen: Wir sind für Sie da, wir hören zu! Im besten Fall tun wir das lange bevor die Belastungen überhandnehmen." Im besten Fall kann eine Beratung vorher Orientierung schaffen und Menschen in beginnenden Krisensituationen stärken.
Sie kann aber kein Ersatz für eine Gesundheitsversorgung sein, die psychische Erkrankungen genauso ernstnimmt wie körperliche Leiden. Fachverbände klagen seit Jahren über hohe Wartezeiten für psychotherapeutische Behandlungen. Viele Betroffene geben die Suche frustriert auf und verschwinden gänzlich aus der Statistik. Oder sie finden Halt bei Wohlfahrtsverbänden wie der Caritas, einer Kirchengemeinde oder in einer Selbsthilfegruppe. Unser Appell an die Politik bleibt jedoch deutlich: Es besteht dringender Handlungsbedarf.